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HÄNSEL UND GRETEL
Engelbert Humperdinck
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Engelbert Humperdinck
HÄNSEL UND GRETEL
2007

Solisten: 
Sabine Noack, Ludmil Kuntschew, Alexandra Petersamer
Orchester: 
Anhaltische Philharmonie Dessau, Kinderchor des Anhaltischen Theaters Dessau
Dirigent: 
Markus L. Frank
Regie: 
Johannes Felsenstein

Mit seiner Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ hat Johannes Felsenstein einen radikalen Entwurf präsentiert [...] den Respekt für die Konsequenz, mit der er die These vom Missbrauch der Schwächsten vorträgt, kann man ihm kaum versagen. [...] Die wichtigste Voraussetzung für ein Gelingen dieses Experiments - die Verankerung der Figuren in der Geschichte - ist auf sehenswerte Weise geglückt. Mitteldeutsche Zeitung, 23.10.2007 Die Quelle für Humperdincks Oper war das Märchen „Hänsel und Gretel“ in der Fassung von Ludwig Bechstein. Im Gegensatz zu den Märchen-Kunstfiguren der Grimmschen Niederschrift, zeigt Bechstein Menschen mit Gefühlen, Sehnsüchten und Ängsten. Bei ihm wird der Leser zum ersten Mal mit dem Realismus einer ausweglosen familiären Situation konfrontiert. Bechstein beschreibt das soziale Elend in seinem Ausmaß - und seiner Konsequenz. Hunger und Tod bestimmen das Leben der Kinder: „...und wie sie so heranwuchsen, gebrach es immer mehr den armen Leuten an Brot. Auch wurde die Zeit immer schwerer und alle Nahrung teuer, das machte den Eltern große Sorge...“. Diese Aussage in „Hänsel und Gretel“ spiegelt die soziale Situation des gesamten 19. Jahrhunderts. Und auch im ganzen ersten Akt der Humperdinckschen Oper ist von nichts anderem als von Hunger die Rede. Er zieht als ein düsterer Schatten über das zarte Leben der jungen Wesen. Im Laufe eines zunächst harmlos erscheinenden Kinderliedes vom Kuckuck, dem „Eierschluck“, im 2. Akt, zeigt Humperdinck den Vogel von seiner wirklichen Seite. Handelt es sich doch um ein Tier, das seine Kinder aussetzt und sich gleichzeitig vollfrisst - ein Verweis auf die literarische Originalvorlage, in der die Eltern ihre Kinder im Wald zurücklassen, um das eigene Überleben zu sichern. Hänsel und Gretel sind bedauernswert arme Kinder, die in einem trostlosen und gewalttätigen Elternhaus aufwachsen. Wie alle Kinder sehnen auch sie sich nach Harmonie und Geborgenheit bei Mutter und Vater, doch leider können sie dieses Gefühl nur in ihrer Phantasie finden. In ihren Wunschträumen überschreiten sie die Grenze zwischen Realität und Irrealität, begeben sich in märchenähnliche Erlebniswelten und haben Visionen von einem besseren Leben aller Kinder. Hier erscheinen ihnen die Eltern so, wie sich jedes Kind seine Eltern erträumt - als positive Helden, als umsorgende, gute, liebende Menschen. Schließlich wachen Hänsel und Gretel unter einem Weihnachtsbaum auf. Dort entdecken sie ein Knusperhäuschen. Wie jedes Spielzeug offenbart und steigert auch dieses Häuschen seine Geheimnisse in der Imagination: die Kinder spielen das Märchen von „Hänsel und Gretel“, der Vater wird zum Darsteller der Hexe. Angst und Neugier, Wissen und Ahnen mischen sich in kindlicher Entdeckungslust. “Hänsel und Gretel“ wird so zum Spiel mit der harten Realität und ihrer kindlichen Verarbeitung in Wunschbild, Traum, Phantasie und Kreativität. Eine Oper des 19. Jahrhunderts, die durch den Rückgriff auf Archetypen und die Verarbeitung musikalischen Volksguts nicht nur die Atmosphäre ihrer Zeit traf, sondern Fragen aufwirft, die auch über das 20. Jahrhundert hinaus bis in unsere heutige Zeit brisant geblieben sind. Eine Oper, die uns dazu anregt, mit Gedenken und Gedächtnis, mit Erinnerung und Geschichte im Blick auf jene umzugehen, die in harten Zeiten als Schwächste die größte Last zu tragen haben - die Kinder.